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Bevor ich Vater wurde, war mein Leben in einer gewissen Weise einfach zu beschreiben.
Tagsüber coden. Abends coden. Nachts, wenn die Welt leiser wurde, oft wieder coden.
Nicht nur, weil es mein Beruf war. Sondern weil es sich für mich richtig anfühlte. Code war Arbeit, Hobby, Neugier, Trost und manchmal auch Flucht. Neue Tools ausprobieren. Side Projects. Dokumentation lesen. Den Markt beobachten. Eine Idee bauen, nur um zu sehen, ob sie funktioniert.
Ich liebte das. Nicht als Pose. Nicht als LinkedIn-Satz. Sondern wirklich.
Dann kam meine Tochter.
Und plötzlich war da nicht mehr nur der Rhythmus von Commit, Build, Deploy, Repeat. Da war ein anderer Rhythmus: Schlaf, Hunger, Weinen, Lachen, Umarmen, Wachbleiben, Staunen, Erschöpfung, Freude.
Die kleinen Hände verändern die Zeit
Ich erinnere mich noch an die ersten Wochen. Alles war neu. Nicht nur für sie, sondern auch für mich.
Ich sehe mich noch da sitzen, sie schlafend auf meinem linken Arm, während ich mit der rechten Hand weiter Code tippte. Nicht, weil das besonders effizient war. Sondern weil ich beides gleichzeitig festhalten wollte: diesen kleinen, friedlichen Menschen und den Teil von mir, der immer noch bauen wollte. Manchmal habe ich mehr auf ihr ruhiges Gesicht geschaut als auf den Bildschirm.
Man sagt dir vorher viel über Vatersein. Weniger sagt dir jemand ehrlich, wie sehr sich dein Gefühl für Zeit verändert. Nachts war nicht mehr „die produktive Stille“. Nachts war oft einfach nur Nacht. Ein kurzes Zeitfenster. Manchmal gar keins.
Und trotzdem wollte ich jeden Moment mitnehmen.
Die winzigen Hände. Das erste Lachen. Das Gefühl, wenn ein Mensch dir vertraut, ohne Worte. Ich wollte nicht nur dabeisein. Ich wollte wirklich da sein.
Heute ist sie fünfeinhalb. Und ich merke, wie schnell das alles ging. Die Phase, in der sie noch so klein war, dass sie auf meiner Brust einschlafen konnte, ist vorbei. Jetzt stellt sie Fragen. Jetzt erklärt sie dir die Welt. Jetzt schaut sie manchmal zu, wenn ich code, fragt, was ich da mache, und träumt davon, irgendwann Spiele zu bauen, auch wenn sie den Beruf dahinter noch nicht richtig benennen kann. Jetzt will sie spielen, erzählen, entdecken, manchmal streiten, manchmal kuscheln.
Ich liebe sie. Das ist das Einfachste und Wahrste an diesem Text.
Der Coder in mir schläft nicht ein
Aber etwas anderes verschwindet nicht einfach, nur weil man Vater wird.
Der Coder in mir ist immer noch da.
Wenn sie schläft und das Haus endlich ruhig ist, spüre ich manchmal sofort den alten Impuls: nur noch kurz am Laptop. Nur noch ein Issue. Nur noch ein Tutorial. Nur noch ein Side Project. Nur noch ein Blick auf GitHub, Hacker News, Angular, AI, irgendein neues Tool, irgendeine Idee.
Früher war das normal. Jetzt fühlt es sich manchmal wie ein kleiner innerer Konflikt an.
Denn auf der anderen Seite weiß ich: Diese ruhigen Minuten sind selten. Morgen ist wieder Kita, Arbeit, Alltag, Termine, Müdigkeit. Und ein Teil von mir will einfach nur noch da sein. Nicht immer produktiv. Nicht immer am Puls der Zeit.
Die Schuld kommt von beiden Seiten
Das Schwierige ist nicht nur weniger Zeit. Das Schwierige ist die Schuld.
Manchmal habe ich Schuldgefühle, wenn ich abends coden will. Als würde ich Zeit stehlen, die eigentlich der Familie gehört.
Manchmal habe ich Schuldgefühle, wenn ich nicht coden. Als würde ich langsam abgehängt werden. Als würde ich den Markt verpassen. Als würde ich meine Leidenschaft verraten.
Und manchmal habe ich Schuldgefühle, wenn ich einfach nur müde bin und mich ausruhen will, während der Kopf sagt: „Du könntest jetzt noch etwas lernen.“
Das ist der Punkt, an dem viele Väter in zwei falsche Extreme rutschen:
- entweder sie machen aus der Familie den einzigen Maßstab und verlieren sich selbst;
- oder sie behandeln Leidenschaft wie ein heiliges Recht und werden innerlich abwesend.
Ich wollte keines von beiden.
Balance ist keine Mathematik
Früher dachte ich, Work-Life-Balance bedeute, die Zeit fair zu teilen. Zehn Stunden Arbeit, zwei Stunden Hobby, der Rest Familie. Als wäre Leben eine Excel-Tabelle.
Jetzt glaube ich eher an Lebensphasen.
Es gibt Phasen, in denen man viel bauen kann. Und es gibt Phasen, in denen man vor allem da sein muss. Nicht, weil man aufhört, Entwickler zu sein. Sondern weil das Leben gerade ein anderes Tempo verlangt.
Die ersten Monate und Jahre mit einem Kind sind keine Phase für maximale technische Output-Optimierung. Das heißt nicht, dass man aufhören muss, Entwickler zu sein. Es heißt, dass man aufhören muss, so zu tun, als könne alles gleichzeitig auf Maximum laufen.
Das war für mich eine wichtige Erkenntnis.
Dranbleiben, ohne alles jagen zu wollen
Ich habe gemerkt, dass ich meine Leidenschaft nicht verloren habe, als ich weniger Zeit hatte. Ich habe sie nur anders organisieren müssen.
Statt großer Nachtprojekte:
- kleinere Side Projects, die wirklich Freude machen;
- kurze Lernfenster statt stundenlanger Deep-Dive-Nächte;
- Lesen statt Bauen, wenn die Energie nicht für mehr reicht;
- Tiefe statt Trendjagd, weil man ohnehin nicht alles mitbekommt;
- bewusste Pausen, ohne sie sofort mit Schuld zu füllen.
Ich verfolge den Markt nicht mehr mit der Nervosität von früher. Ich verliere mich nicht mehr so leicht in jedem neuen Hype. Aber ich bin noch da. Ich baue noch. Ich lerne noch. Ich liebe Code noch.
Nur eben nicht mehr so, als gäbe es unendlich Nächte.
Die kleinen Rituale zählen mehr als die großen Pläne
Was mir geholfen hat, war nicht ein perfekter Zeitplan. Es waren kleine Rituale.
Mit meiner Tochter spielen, bevor ich abends noch „nur kurz“ ans Handy gehe. Beim Essen wirklich da sein. Geschichten vorlesen. Fragen ernst nehmen. Spaziergänge ohne Eile. Diese Momente sind klein, aber sie sind echt.
Inzwischen versteht sie sogar manchmal, was Fokuszeit bedeutet. Nicht perfekt, natürlich. Sie ist ein Kind. Aber sie spürt, wann Papa gerade tief in etwas steckt, und versucht mich dann nicht zu stören. Außer für einen kleinen Kuss. Dafür darf jede Fokuszeit kurz kaputtgehen.
Und auf der anderen Seite: mir selbst ehrlich zu sagen, wann ein kurzes Coding-Fenster mir guttut. Nicht, weil ich der Familie entfliehe. Sondern weil ein Teil von mir ohne diese Leidenschaft nicht ganz ich selbst ist.
Familie und Leidenschaft müssen keine Feinde sein.
Schlecht wird es erst, wenn eins das andere dauernd beschämt.
Was ich meiner Tochter nicht sagen würde — aber ihr vielleicht zeige
Ich will nicht, dass meine Tochter später denkt, ihr Vater habe sein Leben geopfert. Das wäre falsch.
Ich will auch nicht, dass sie denkt, Arbeit und Leidenschaft seien wichtiger als Menschen. Auch das wäre falsch.
Ich hoffe, sie sieht irgendwann zwei Dinge:
- dass man Dinge lieben kann, ohne ihnen den ganzen Raum zu geben;
- dass echte Nähe Zeit braucht, und dass diese Zeit nicht wartet.
Vielleicht ist das das Wichtigste, was Vatersein mich gelehrt hat: Zeit ist nicht nur eine Ressource. Sie ist Beziehung.
Code kann warten. Manchmal muss er warten. Ein Lächeln, ein „Papa, schau mal“, ein kurzer Kuschelmoment — das wartet nicht so leicht.
Sie hat mir Coding nicht weggenommen
Das möchte ich besonders klar sagen.
Meine Tochter hat mir meine Leidenschaft nicht genommen. Sie hat mir gezeigt, dass Leidenschaft allein nicht ausreicht, um ein gutes Leben zu sortieren.
Ich bin immer noch Entwickler. Ich bin immer noch neugierig. Ich liebe es immer noch, Dinge zu bauen und zu verstehen.
Aber ich bin jetzt auch Vater. Und das verändert die Frage nicht „Will ich coden?“, sondern „Wofür ist gerade meine Zeit da?“
Manchmal ist die Antwort: für ein Side Project. Manchmal ist die Antwort: für ein Tutorial. Manchmal ist die Antwort: für gar nichts außer Schlaf. Und manchmal — oft, ehrlich gesagt — ist die Antwort: für sie.
Am Ende geht es nicht um Opfer
Ich mag das Wort Opfer in diesem Zusammenhang nicht.
Ich habe nicht aufgehört, Entwickler zu sein. Ich habe nicht aufgehört, Neues zu lernen. Ich habe nicht aufgehört, mich für Technologie zu begeistern.
Was ich aufgehört habe, ist so zu tun, als könnte ich unbegrenzt alles gleichzeitig haben: maximale Nähe, maximalen Output, maximale Marktnähe, maximale Nachtruhe, maximale Leidenschaft.
Das war nie realistisch. Ich habe es nur früher besser ignorieren können.
Heute akzeptiere ich eher, dass das Leben aus verschiedenen Formen von Zeit besteht:
- Zeit zum Bauen
- Zeit zum Lernen
- Zeit zum Verdienen
- Zeit zum Sein
- Zeit zum Erholen
Nicht jede Woche ist für alles gleich viel Platz da. Und das ist in Ordnung.
Eine leise Hoffnung
Manchmal habe ich Angst, technisch zurückzufallen. Das gebe ich zu. Wenn das Leben voller wird, braucht auch der Körper mehr Wartung — nicht weniger. Darüber habe ich in Selbstwartung für Menschen, die viel denken nachgedacht.
Aber ich habe auch etwas anderes gespürt: Wenn man lange genug im Beruf ist, bleibt nicht alles Wissen davon abhängig, ob man jede Nacht noch am Laptop sitzt. Manche Dinge bleiben. Manche werden tiefer. Manche verlieren ihre Dringlichkeit.
Und manches — zum Beispiel die Erinnerung daran, wie schnell fünfeinhalb Jahre vergehen — macht einen vielleicht sogar zu einem besseren Menschen, auch wenn man nicht jede Woche ein neues Framework anfasst.
Meine Tochter ist jetzt fünfeinhalb. Sie wird älter. Ich werde hoffentlich weiter coden, weiter lernen, weiter bauen.
Aber ich will nicht erst in zehn Jahren merken, dass ich die kleinen Hände, die kleinen Momente und die kurzen Rituale zu oft gegen „nur noch kurz am Laptop“ eingetauscht habe.
Die Leidenschaft darf bleiben.
Sie muss nur nicht mehr das ganze Haus beherrschen.
Omid Farhang